Gebet einer Sekretärin

Lieber Gott!

Gib mir das Gedächtnis eines Elefanten, oder zumindest ein unfehlbares Dreijahresgedächtnis.
Lass das Wunder geschehen, dass ich alles zur selben Zeit tun kann: zum Beispiel vier Telefone gleichzeitig bedienen und dazu noch einen Brief schreiben, der „unbedingt noch heute heraus muss!“ – obwohl ich weiss, dass er erst morgen unterschrieben wird.
Statte mich mit der Gedult eines Engles aus, wenn der Chef mich stundenlang eine Akte suchen lässt, die ich schliesslich auf seinem Schreibtisch finde.
Vergiss bitte, dass ich als Schulabschluss Mittlere Reife angeben muss und fülle meine Gehirnwindungen mit dem Wissen eines Universitätsprofessors.
Hilf mir, alles zu verstehen, auch wenn die Informationen unverständlich sind. Hilf mir, alles richtig zu machen, auch wenn die Anweisungen falsch sind.
Erleuchte mich, sodass ich allezeit weiss, wo der Chef ist, was er tut und wann er zurück kommt – auch wenn er verschwand, ohne ein Wort zu sagen.
Lass mich am Jahresende, wenn ich „weisungsgemäss“ alte Akten vernichte, ahnen, welches Stück davon der Alte in den nächsten Tagen „unter allen Umständen“ haben „muss“ („Besorgen Sie`s. Wie ist mir egal!“).
Gib mir die Nerven wie Drahtseile, damit ich unerschütterlich lächle, wenn Ober- und Unterchefs und -chefinnen daran zerren.
Und belohne die Chefs und Chefinnen, die bei solchem Zerren nicht mitmachen, sondern wissen, dass eine Sekretärin „auch nur ein Mensch ist“, und danach handeln!

Amen.